
Fazit
Juni 29, 2008Dies ist der zehnte und letzte Blogeintrag zu diesem Thema.
Sich über längere Zeit mit einem selbst gewählten, spannenden Thema zu befassen, zu recherchieren und Fakten zusammenzutragen hat Spass gemacht, obwohl der Zeitaufwand zuweilen doch sehr hoch war. Die Wahl des Themas hat sich für mich – in Verbindung mit den Tibetunruhen zu Beginn des Jahres und den bevorstehenden olympischen Spielen im August – als glücklich erwiesen, da einiges an zusätzlichem Material dadurch zusammenkam. Es zeigte aber auch wieder deutlich, wie brisant die Lage in China bezüglich Menschenrechte, Zensur und Ökologie ist und wie empfindlich der Westen darauf reagiert. Es hat mir aber auch gezeigt, wie gefährlich vorschnelle Urteile und damit verbunden Verurteilungen sind. Wir sehen die ganze Situation durch unsere westlich geprägte Brille, wie jeder – auch der Chinese – generell alles nur aus seiner kulturell geprägten Sicht sieht. Im Zusammenhang mit diesem Ethnozentrismus wird aber schnell pauschalisiert, ein Vorurteil gebildet und verurteilt, ohne sich die Mühe zu machen, auch die andere Seite zu betrachten und zu verstehen versuchen.
Sicher, wenn Menschenrechte verletzt werden, hört auch für mich die kulturelle Toleranz auf. Was den Rest angeht, hat jeder (etwas pathetisch ausgedrückt) die Pflicht, zuvor die Sachlage aus verschiedenen Standpunkten zu betrachten, bevor er (ab)urteilt. Ich weiss, dass dies Wunschdenken ist und niemandem immer gelingt. Es gibt keine allein weismachende Wahrheit. Die massen wir uns aber an, wenn wir andere vorschnell verurteilen.
Zensur hat bei uns eine sehr negative Färbung. Sie ist aber nicht grundsätzlich schlecht. Wir können sie nicht generell (auch wenn viel rigoroser durchgesetzt) bei anderen verurteilen und bei uns (wo sie auch praktiziert wird) schönreden oder unter den Teppich kehren und stillschweigen. Wenn in China bei verbotenen Websites oder Begriffen „kleine Pop-up-Cartoon-Polizisten erscheinen, die auf die Website der Pekinger Polizei verlinken“ (Wikipedia 2008: Taiwan-Konflikt), erscheint uns das sicherlich fragwürdig. Aber wissen wir denn genau, was bei uns zensiert wird?
Wir klagen Unternehmen wie Google, Yahoo und Cisco an, weil sie sich Chinas Zensur unterwerfen. Wenn sie wie bei Yahoo Daten weitergeben, die wegen eingeschränkter Meinungs- und Pressefreiheit
zur Inhaftierung und Folterung von Personen und damit zu Verletzungen der Menschenrechte führen, ist das in meinen Augen ganz klar verurteilenswert. Aber kann man – neben der moralischen Komponente – einem Unternehmen, das gewinnorientiert arbeiten muss, verübeln, in einem der wirtschaftlich am stärksten wachsenden Märkte der Welt Fuss zu fassen, um seine Marktposition zu stärken?
China wird sich weiter öffnen, wie es dies schon vor Jahren begonnen hat – wirtschaftlich wie auch in anderen Belangen. Mit dieser Öffnung werden sich auch einige Dinge im Land zwangsläufig ändern. Aber dass diese Änderungen mit den olympischen Spielen eintreten, ist Wunschdenken und unrealistisch.
Solche einschneidenen (vom Westen gewünschte) Änderungen brauchen Zeit, kommen nicht von heute auf morgen. Und anstatt China ständig zu verurteilen, sollte der Westen China im positiven Sinne unterstützen und könnte auf diese Weise zu einer schnelleren Änderung beitragen. Auch sollen gewisse kulturelle Gegebenheiten akzeptiert werden, so wie wir selber unsere Werte von anderen auch nicht kritisiert sondern akzeptiert sehen wollen.
Bleibt gespannt abzuwarten, wie sich die Lage in Zukunft entwickelt!
In diesem Fazit-Beitrag sticht ein Satz, oder eine offene Frage, besonders heraus.
„Aber wissen wir denn genau, was bei uns zensiert wird?“
Dies ist eine sehr gute Frage. Die Schweiz gilt als demokratisch und weltoffen, aber auch frei von Zensur? Vielleicht haben wir uns angewöhnt, dorthin zu schauen, wo alles viel schlimmer ist – anstatt Fragen zum eigenen System zu stellen.
So gab es ja beispielsweise einen grossen Skandal, als durch illegale Veröffentlichung bekannt wurde, dass die Schweizer Landesregierung zumindest teilweise über amerikanische Gefangenenflüge über unsere Landesgrenzen hinweg informiert war. Die Presse wurde aus offiziellen Quellen nie darüber benachrichtigt. Wer kontrolliert eigentlich die Institutionen, die den Informationsfluss bei uns steuern?
Das sich China weiter öffnet, ist zu hoffen, aber die chinesische Bevölkerung müsste auch für diesen Wandel bereit sein. Die gesamte Informationskultur in diesem Land hat sich über die Jahrtausende ganz anders entwickelt als bei uns – und wenn die Befreiung in den Köpfen nicht anfängt, wird auch der wirtschaftliche Aufschwung nicht viel an der gegenwärtigen Situation ändern können.