
Kampf der Zensur
Juni 12, 2008Dieser Blogeintrag beschäftigt sich mit dem Artikel „Kampf der Zensur“ aus dem Migros-Magazin 23 vom 2. Juni 2008. Der Artikel stellt die beiden Schweizer Christoph Wachter und Mathias Jud vor, welche die Website „Picidae“ entwickelt haben. Diese ermöglicht es Chinesen (oder auch Menschen aus anderen Ländern), die staatliche Internet-Zensur zu umgehen, um gesperrte Websites dennoch anzuklicken. In Anlehnung an die „Mauerspechte“ genannten Menschen, welche 1989 Löcher in die Berliner Mauer klopften, haben sie ihre Website „Picidae“ – das lateinische Wort für Specht – genannt. Ein gut gewählter Name! Erstens klingt er harmlos nach einem Vogel, zweitens klopft er sinnbildlich Löcher in die chinesische „Great Firewall“.
Die Migros hat dieses Projekt mit einem auf 25000 Franken dotierten Beitrag für digitale Kultur unterstützt.
Wie es funktioniert, ist so einfach wie clever. Die Websites und Texte werden in Bilder, also eine Grafikdatei, umgewandelt. So sind die Textinhalte nicht mehr erkennbar und können von der staatlichen Zensurbehörde auch nicht nach verbotenen Suchbegriffen oder Inhalten durchsucht werden. Links und andere Anwendungen solcher Websites werden danach einfach über die Grafik „drübergestülpt“. So sind alle Links und Anwendungen wie auf der Originalwebsite funktionsfähig. Die Adresse einer Website wird über Picidae verschlüsselt. Gibt man auf der Website www.picidae.net im Testfenster eine URL ein, sieht man, wie diese mit einem Code aus Ziffern und Buchstaben verschlüsselt wird und so nicht mehr zurückverfolgt werden kann. Bei der Google-Startseite ist gut erkennbar, dass es sich um eine Grafikdatei handelt.
Offensichtlich haben chinesische Programme eines westlichen Radiosenders von diesem Projekt berichtet und so dafür gesorgt, dass sie in China zum Teil bekannt wurde und heimlich dafür Propaganda gemacht wird. Wie viele Chinesen die Website kennen und davon Gebrauch machen, ist schwer einzuschätzen. Anscheinend wurde das Projekt bzw. die Website von der chinesischen Zensurbehörde noch nicht entdeckt, was ich doch eher seltsam finde. Aber es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis auch sie besperrt wird. Für diesen Fall stellen die zwei Schweizer den Picidae-Quelltext bereit und hoffen, dass ein Netzwerk aus möglichst vielen Servern entsteht. (vgl. Wikipedia 2008, Picidae)
Eine wirklich geniale Idee, Webseiten einfach in Bilddateien umzuwandeln! Leider wird es wohl tatsächlich so sein, dass die chinesische Regierung Massnahmen gegen den Picidae-Server unternehmen wird, sobald eine wirklich signifikante Anzahl von Chinesen davon wissen und diesen nutzen. Meldungen an die chinesische Zensurbehörde werden ja von der Regierung belohnt, daher wird diese sicher früher oder später davon wissen, falls dies nicht schon der Fall ist. Vielleicht wird der Einfluss von Picidae momentan noch als zu unbedeutend eingestuft, um konkrete Massnahmen zu rechtfertigen. Vielleicht zu Recht – die Mehrheit der Chinesen wird ja nach wie vor sehr schlecht über internationale oder inoffizielle Entwicklungen informiert.
Ein weiteres Beispiel ist der Google-Mirror elgooG.
http://www.heise.de/newsticker/Spiegelfechter-durchbrechen-chinesische-Mauer–/meldung/30566