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Interview mit einer jungen Chinesin, Teil 1

Mai 19, 2008

Am 24. April habe ich ein Interview mit einer 24-jährigen Chinesin geführt, um Informationen zum Thema und ihre Sicht der Dinge zu erhalten. Entgegen gewisser Bedenken habe ich eine sehr offene und dem eigenen Land gegenüber kritische Chinesin getroffen, welche sofort für ein Gespräch bereit war. Auch war sie einverstanden, das Gespräch aufzuzeichnen.

Empfangen hat sie mich mit einem guten echt chinesischen Essen und einem Laptop mit W-Lan.

 

Nachfolgend gebe ich die Fragen und ihre Antworten wieder. Manchmal wurden die Fragen nicht ganz genau oder nur teilweise beantwortet.

 

Wie kommuniziert die chinesische Regierung, was, wie und warum sie zensiert?

Die Regierung informiert diesbezüglich die Bevölkerung nicht. Aber das Volk weiss sehr wohl, dass zensiert wird.  

Ich denke, die Regierung will die Leute unwissend halten, so sind sie besser kontrollierbar. Sie will die totale Kontrolle. Ich finde vieles, was die Regierung macht, nicht richtig.

 

Werden auch die Konsequenzen bei Zuwiderhandlung klar kommuniziert? Wenn ja, wie?

Die Konsequenzen sind nicht klar. Aber man bekommt mit, dass immer wieder Menschen von der Polizei abgeholt werden. Was weiter passiert, erfährt man nicht.

 

Sind Begriffe wie „Great Firewall of China” oder “The Golden  Shield Project” in China geläufig? (… dass man darunter verschiedene Systeme zur staatlichen Internetkontrolle versteht?)

Die Begriffe „Great Firewall of China“ oder „The Golden Shield Project“ habe ich noch nie gehört. (Anmerkung: sie informiert sich sofort per Internet und notiert sich die Begriffe)

 

Wie empfindest du/ das chinesische Volk die Zensur im eigenen Land? Was denkst du darüber?

Ich persönlich finde es sehr dumm und überhaupt nicht gut. Und ich habe auch im Internet bei BBS (www.dolc.de) gesehen, dass viele Leute dagegen sind. (Anmerkung: BBS bzw. www.dolc.de ist eine Art „deutscher“ Chatraum, in welchem sich viele Auslandchinesen austauschen. In China ist diese Seite gesperrt).

 

Ich denke, dass in China etwa 80 % der Bevölkerung die Zensur oder Meinungsfreiheit egal ist, vor allem der älteren Bevölkerung. Es wird nicht viel darüber nachgedacht. Jeder kümmert sich um sein eigenes Leben.

Gegen die Zensur sind vor allem junge Leute und Studierte. Sie wollen andere Meinungen – auch aus dem Ausland – hören, auch wenn sie sich nicht mit der eigenen decken.

 

Wird in der Bevölkerung (privat) darüber gesprochen und wenn ja, in welcher Art?

Ich glaube, dass manche jungen Leute dagegen sind und z.B. bei BBS darüber sprechen. Aber vielen Leuten ist es auch egal.

 

Kennst du Personen, welche die Zensur – vor allem im Internet – umgehen? Wenn ja, wie?

Ja, ich habe von einer Person gehört, welche die Zensur umgeht. Aber ich weiss nicht, wie sie das macht.

 

Kennst du Personen, die deswegen mit dem Gesetz  in Konflikt kamen?

Wenn ja, wie, wann, mit welchen Folgen?

Ich habe gehört, dass jemand wegen Umgehen der Zensur zur Polizei musste. Aber was danach passiert, weiss niemand genau.

 

Merkst du in der Zensur Unterschiede zwischen Nachrichten, Zeitung, Fernsehen, Radio oder Internet?

Bei den „alten“ Medien ist es sehr einfach, die Zensur zu betreiben. Beim Internet ist es sehr schwer. Es gibt genug technisch versierte Leute, die die Zensur umgehen können. Im Internet sind es zu viele Informationen, um alles kontrollieren zu können.

 

Hast du schon ein Internet-Café in China besucht? Wenn ja, wie läuft das für den Benutzer ab?

Ja, ich war schon sehr oft in einem Internet-Café. Man muss seine ID zeigen. Aber ich habe auch gehört, dass es manchmal nicht so streng gehandhabt wird und dass manche Leute, die ihre ID nicht dabei haben, auch so das Café benutzen dürfen oder eine falsche ID-Nummer aufgeschrieben wird. Es gibt auch Unterschiede, ob das Café in einer grossen Stadt oder eher auf dem Land ist. In grösseren Städten wird eher kontrolliert als in kleineren.

 

Welche Regeln/ Bestimmungen/ Verbote gelten in chinesischen Internet-Cafés?

Personen unter 18 Jahren dürfen das Internet-Café vor allem abends nicht benutzen. Es gibt Plakate mit den Regeln an den Wänden, aber ich glaube, die wenigsten beachten sie.

Was Websites anbelangt, so sind zum Beispiel pornografische verboten.

 

Was passiert, wenn man diese  doch anschaut?

Nichts.

 

 

Der zweite Teil des Interviews folgt im nächsten Blog.

 

Ein Kommentar

  1. Am erstaunlichsten wirkt der Schluss dieses ersten Interviewteils: die Aussage der jungen Chinesin, dass nichts passiert, wenn man verbotene Seiten doch anschaut. Könnte es sein, dass die chinesische Cyberpolizei so sehr mit ‘härteren’ Fällen beschäftigt ist (z.B. Fälle, in denen aktiv das Zensurierungssystem getäuscht wird), dass das Aufrufen einer verbotenen Seite keine Konsequenzen hat? Vermutlich tun dies etliche Chinesen, vielleicht nicht einmal mit Absicht, wenn eine Seite (noch) nicht gesperrt wurde und sie eher zufällig bei der entsprechenden Adresse landen. Gerade bei installierter Videoüberwachung in Internetcafes müsste dieser Zugriff eigentlich aufgezeichnet werden.

    Es erstaunt auch, dass die junge Chinesin den Begriff ‘The great firewall’ noch nie gehört hat. Sie informiert sich ja in ihrer zensurfreien Umgebung gezielt. Ich könnte mir vorstellen, dass andere Menschen im Gespräch generell eher zurückhaltend ihr gegenüber sind, wenn es um China geht, da man nicht beleidigend wirken möchte und vielleicht auch nicht sicher ist, wie denn ihre Einstellung zum Staat aussieht. Schliesslich sind sehr viele Chinesen stolz auf ihr Land und finden auch an der Zensur und Kontrolle nichts grundsätzlich schlechtes. Diese Zurückhaltung ist vielleicht auch eine Art von Selbstzensur.



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