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„Information im Dienst von Staat und Stabilität“

April 14, 2008

Mein heutiger Blogeintrag bezieht sich auf den gleichnamigen NZZ-Artikel vom 11.April `08.

„Sie meinen, Sie können wirklich schreiben, was Sie für wahr und richtig halten?“ lautet  die Frage eines Chinesen als Einleitung des Artikels. Mit dieser Frage wird schon signalisiert, dass unterschiedliche Wahrnehmungen und Wertvorstellungen auch unterschiedliche Wahrheiten zur Folge haben. Aus chinesischer Sicht also eine berechtigte Frage. So wie wir alles durch die Brille westlicher Wertvorstellungen sehen und diese für richtig halten!

Während auf unserem Markt zig unterschiedliche Zeitungen und Zeitschriften um die Leserschaft buhlen, gibt es in China „Xinhua“, die angeblich grösste Presseagentur unter der Kontrolle des Staates und der Partei, welche die offizielle Meinung des Landes bildet und vertritt. Auch wenn es immer mehr private Zeitungen und Zeitschriften gibt, berichtet wird selbst dort immer „linientreu“. Kritik oder Meinungsverschiedenheiten gibt es so gut wie nie und wenn, dann nur zwischen den Zeilen. Wird nicht regimekonform berichtet, reicht die „Palette an ernsthaften Sanktionen …vom Schaden für die Karriere über Druck auf die Familie und Prügel bis zu Festnahmen.“ (NZZ, 11.4.2008 )

In unseren Augen unvorstellbar, für Chinesen Alltag.

Die bewusste Filterung der Nachrichten und Informationen hat einschneidende Folgen.

So wird in manchen Fällen zwar nicht unbedingt gelogen, das bewusste Auslassen gewisser Informationen liefert aber ein verzerrtes bis komplett gegensätzliches Bild der Tatsachen.

Chinesen sehen zurzeit zum Beispiel nur das Bild demonstrierender und randalierender Tibeter in den Nachrichten, das brutale Vorgehen der chinesischen Polizei und Armee sowie die Hintergründe des Konflikts werden bewusst ausgespart – eine „neue Wahrheit“ entsteht. Kein Wunder, sehen Chinesen momentan die alleinige Schuld bei den Tibetern.

In unseren Augen ist es unglaublich, „dass der überwiegende Teil der Chinesen … das herrschende chinesische System der kontrollierten, restriktiven Informationsvermittlung billigt, weil er darin einen Garanten für Stabilität sieht.“  (NZZ, 11.4.2008 )

Wir würden es eindeutig als Entmündigung und Bevormundung des Volkes und des einzelnen Individuums ansehen.

Bis vor kurzem wurde neben unzähligen nicht genehmen Internetseiten auch Wikipedia durch die chinesische Zensurbehörde blockiert, unterdessen aber wahrscheinlich im Zusammenhang mit den Tibetunruhen, der damit zusammenhängenden internationalen Kritik  und der Olympiade freigeschaltet. Gibt man jedoch bei der chinesischen Googleseite oder bei Baidu, einer chinesischen Suchmaschine, zum Beispiel den Begriff „Dalai Lama“ ein, erhält man nur negative Berichte.

In China heisst nach diesem Artikel „akademisch zu sein“ nicht, kritisch zu hinterfragen sondern viel zu wissen – entgegen unserem westlichen Vorstellungsvermögen, wo kritisch zu hinterfragen gerade in Akademikerkreisen fast ein Muss ist. Mehr noch: Bereits unsere Kinder werden dazu erzogen, eine eigene Meinung zu haben und dafür einzustehen. Chinas Volk wächst so auf, dass es der Meinung ist, „Es ist gut, nicht alles zu wissen“. Während es bei uns „salonfähig“ ist, die Missstände im eigenen Land anzuprangern, gilt Kritik am eigenen Land in China als unpatriotisch. Vor allem Fremden gegenüber hat man das Gesicht zu wahren.

Im Zusammenhang mit der Olympiade „sind Presse und Meinungen in China zwar noch keineswegs frei. Doch sie sind dank Olympia etwas freier geworden.“ (NZZ, 11.4.2008 )

Hoffen wir, dass diese Tendenz nach Olympia weiter anhält.

Ein Kommentar

  1. Du hast für diesen Eintrag einen sehr interessanten NZZ-Artikel ausgewählt, uns Lesern aber leider den link dazu nicht zur Verfügung gestellt. Bei der Suche danach habe ich überrascht festgestellt, wie oft NZZ alleine in den letzten Wochen über China in verschiedenen Zusammenhängen berichtet hat.

    Link zum Artikel: http://www.nzz.ch/nachrichten/international/information_im_dienst_von_staat_und_stabilitaet_1.707301.html

    Ich stimme mit Deiner kritischen Analyse generell überein, allerdings blieb die Frage offen, warum dieses kritikfreie Pressesystem in China besteht und warum die Chinesen das einfach so hinnehmen, sogar als normal betrachten. Der betrachtete NZZ-Artikel liefert die Antwort dazu:

    „…China in seiner Geschichte keine eigentliche Periode der Aufklärung durchlebt hat, sondern immer von der Herrschaft eines einheitlichen Machtapparats geprägt war. Ob Kaiser oder Kommunistische Partei, Information sei jahrhundertelang Propaganda gewesen, die dazu gedient habe, Kampagnen zu starten. Medien, welcher Art auch immer, seien im Verständnis der chinesischen Elite Instrumente der Macht, welche Macht erhalten und Stabilität sichern müssten und dem Land helfen sollten, sich zu entwickeln.“

    Auch im Artikel werden keine Beispiele dafür geliefert, wie und wo konkret die Pressefreiheit in China in letzter Zeit zugenommen hat. Da könnte noch in anderen Quellen weiter recherchiert werden, um dieser Frage nachzugehen. Ich wage zu bezweifeln, dass die Olympia-Proteste wirklich nur positive Auswirkungen haben. So wurde unter anderem im Tagesanzeiger berichtet, dass gerade die Chinesische Jugend auf Proteste aus dem Ausland vermehrt mit nationalistischen Tendenzen reagiert: http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/news/ausland/861528.html



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