Mein heutiger Blogeintrag bezieht sich auf den gleichnamigen NZZ-Artikel vom 11.April `08.
„Sie meinen, Sie können wirklich schreiben, was Sie für wahr und richtig halten?“ lautet die Frage eines Chinesen als Einleitung des Artikels. Mit dieser Frage wird schon signalisiert, dass unterschiedliche Wahrnehmungen und Wertvorstellungen auch unterschiedliche Wahrheiten zur Folge haben. Aus chinesischer Sicht also eine berechtigte Frage. So wie wir alles durch die Brille westlicher Wertvorstellungen sehen und diese für richtig halten!
Während auf unserem Markt zig unterschiedliche Zeitungen und Zeitschriften um die Leserschaft buhlen, gibt es in China „Xinhua“, die angeblich grösste Presseagentur unter der Kontrolle des Staates und der Partei, welche die offizielle Meinung des Landes bildet und vertritt. Auch wenn es immer mehr private Zeitungen und Zeitschriften gibt, berichtet wird selbst dort immer „linientreu“. Kritik oder Meinungsverschiedenheiten gibt es so gut wie nie und wenn, dann nur zwischen den Zeilen. Wird nicht regimekonform berichtet, reicht die „Palette an ernsthaften Sanktionen …vom Schaden für die Karriere über Druck auf die Familie und Prügel bis zu Festnahmen.“ (NZZ, 11.4.2008 )
In unseren Augen unvorstellbar, für Chinesen Alltag.
Die bewusste Filterung der Nachrichten und Informationen hat einschneidende Folgen.
So wird in manchen Fällen zwar nicht unbedingt gelogen, das bewusste Auslassen gewisser Informationen liefert aber ein verzerrtes bis komplett gegensätzliches Bild der Tatsachen.
Chinesen sehen zurzeit zum Beispiel nur das Bild demonstrierender und randalierender Tibeter in den Nachrichten, das brutale Vorgehen der chinesischen Polizei und Armee sowie die Hintergründe des Konflikts werden bewusst ausgespart – eine „neue Wahrheit“ entsteht. Kein Wunder, sehen Chinesen momentan die alleinige Schuld bei den Tibetern.
In unseren Augen ist es unglaublich, „dass der überwiegende Teil der Chinesen … das herrschende chinesische System der kontrollierten, restriktiven Informationsvermittlung billigt, weil er darin einen Garanten für Stabilität sieht.“ (NZZ, 11.4.2008 )
Wir würden es eindeutig als Entmündigung und Bevormundung des Volkes und des einzelnen Individuums ansehen.
Bis vor kurzem wurde neben unzähligen nicht genehmen Internetseiten auch Wikipedia durch die chinesische Zensurbehörde blockiert, unterdessen aber wahrscheinlich im Zusammenhang mit den Tibetunruhen, der damit zusammenhängenden internationalen Kritik und der Olympiade freigeschaltet. Gibt man jedoch bei der chinesischen Googleseite oder bei Baidu, einer chinesischen Suchmaschine, zum Beispiel den Begriff „Dalai Lama“ ein, erhält man nur negative Berichte.
In China heisst nach diesem Artikel „akademisch zu sein“ nicht, kritisch zu hinterfragen sondern viel zu wissen – entgegen unserem westlichen Vorstellungsvermögen, wo kritisch zu hinterfragen gerade in Akademikerkreisen fast ein Muss ist. Mehr noch: Bereits unsere Kinder werden dazu erzogen, eine eigene Meinung zu haben und dafür einzustehen. Chinas Volk wächst so auf, dass es der Meinung ist, „Es ist gut, nicht alles zu wissen“. Während es bei uns „salonfähig“ ist, die Missstände im eigenen Land anzuprangern, gilt Kritik am eigenen Land in China als unpatriotisch. Vor allem Fremden gegenüber hat man das Gesicht zu wahren.
Im Zusammenhang mit der Olympiade „sind Presse und Meinungen in China zwar noch keineswegs frei. Doch sie sind dank Olympia etwas freier geworden.“ (NZZ, 11.4.2008 )
Hoffen wir, dass diese Tendenz nach Olympia weiter anhält.
